ApfelWeinKunst

Das sollten Sie über ApfelWeinKunst wissen

Vorwort zu ApfelWeinKunst

Künstlern Schoppen nahe bringen dürfte so schwierig nicht sein. Diese landläufig weit verbreitete, bestenfalls historisch begründete Einschätzung, findet zum Leidwesen der Keltermeister nur selten Bestätigung. Günter Henrichs faszinierende Idee liegt denn auch fern geistloser Stereotype. Sein Interesse gilt der heimischen Region in all ihrer Vielfalt und Ausdruckskraft. Eine große Aufgabe, in der heutigen globalisierten Welt der unfassbaren Informationsflut und übermächtigen Medien, regionaler Kunst und regionalem Handwerk Geltung zu verschaffen. Welch faszinierende Konsequenz, die Brücke zu schlagen zwischen sechs Künstlern des Rhein-Main-Gebietes und einem Kelterer des hessischen Nationalgetränkes. Günter knüpfte Kontakte, führte Vorgespräche und vereinbarte Termine. Angesteckt von seiner Begeisterung saßen wir an einem sonnigen Nachmittag des Sommers 2007 im kleinen Keltereihof beisammen. Zu acht probierten und diskutierten wir, sannen nach Ideen, suchten und fanden Verbindendes und überwanden Trennendes. Die Abenddämmerung lag schon über Maintal, als ein jeder der Künstler seinen Schoppen herausgesucht hatte, der als Inspirationsgrundlage geeignet erschien. Mit großer Schaffenslust setzten die Künstler das Apfelweinthema in ihrem jeweils charakteristischen Stil um. Einige Monate später trafen wir uns im Gasthaus Adler, Hanau-Mittelbuchen. Uns alle begeisterten die Motive – individuell, ausdruckstark, beziehungsreich. Jedes Werk sollte bald den jeweiligen Schoppen als Etikett zieren. Geschaffen war eine ganz neue Art der Ansprache um Regionalität – ApfelWeinKunst.
In der Zwischenzeit gelang es Günter Henrich den Naumann Verlag für unser Projekt zu interessieren. Mit Bernhard Naumann und seiner Mitarbeiterin Natascha Becker entwickelten wir das Konzept für das in den nächsten Wochen vorliegende Buch. Neben den Bildern und der Vorstellung der Künstler mit ihrem jeweiligen Werk erzähle ich um den Apfelwein Geschichten aus sechs sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Es gelang uns, zu jedem Kapitel eine hiesig bekannte Persönlichkeit als Laudator zu gewinnen. Deren Schilderungen um ihre Beziehung zum hessischen Hauptgetränk vervollständigen den Inhalt. Die höchst ansprechende Gestaltung, für die Natascha Becker verantwortlich zeichnet, macht aus unserem Buch zur heimatlichen Handwerks-Kunst ein großartiges Lesevergnügen.
Günter Henrichs Tatendrang, was an dieser Stelle keine Verwunderung auslösen dürfte, war damit jedoch noch lange nicht gestillt. Seine Beziehungen ließ er in vielen Richtungen spielen. Schon bald stellte er uns eine Anzahl der verschiedensten Ausstellunksorte im Rhein-Main-Gebiet vor. Neben den Originalen zeigen wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe weitere Werke der Künstler. Aber die Besucher können auch – und hier schließt sich der Kreis – die jeweiligen Apfelweine an den angekündigten Tagen probieren sowie mit der Sonderedition der Etiketten erwerben. Die Originale werden Ende 2009 versteigert – ein vorher festgelegter Teil des Erlöses kommt dann einem gemeinnützigem Zweck, dem geplanten Apfelweinmuseum, zugute.
Nicht versäumen möchte ich die Gelegenheit, das auf den ersten Blick vielleicht als gewagt anzusehende Bild der Vereinigung von „hoher Kunst“ und „rustikalem Volksgetränk“ auszumalen.
Bei allen widerstreitenden Erklärungsversuchen des Kunstbegriffes, künstlerische Tätigkeiten gehen über lebensnotwendige Handlungen hinaus. Kunst hilft uns, unsere Umwelt zu erfassen, uns mit dem Hier und Jetzt zu verbinden, Vergangenheit und Zukunft zu begreifen. Kulturelle Handlungen ohne die der Mensch geistig verhungern würde. Welch vitale Bedeutung für das Menschsein hier angesprochen wird belegen umgangssprachliche Begriffe wie „Wissensdurst“, „Erkenntnishunger“ etc. Nicht zufällig entstand der Begriff der geistigen Nahrung. Ebenso als künstlerische Leistung ist die Bereitung von Lebensmitteln zu verstehen. Ein großer Schritt zum Menschwerden, Nahrung nicht alleine aufzunehmen um Hunger und Durst zu stillen. Der bekannte Autor, Filmemacher, und Städeldozent Peter Kubelka weist uns am Beispiel des Kochens auf die Parallelität hin. In der Lebensmittelbereitung finden wir einen wesentlichen Teil der Heimat und der Tradition. Essen, Trinken und Kochen drücken Weltanschauung aus, in der Küche und im Weinkeller werden die Gegenden der Erde dargestellt und Kulturen ausgedrückt.
Ein Ideal, von dem wir uns zusehends entfernen. Gleichermaßen werden Kunst und Lebensmittel kaum mehr geschaffen, stattdessen fast ausschließlich reproduziert. Peter Kubelka weist zu Recht darauf hin, dass selbst das Kochen, als letzte in der Familie praktizierte kreativ-künstlerische Tätigkeit, verloren geht. Speisen werden nunmehr erhitzt, Musik downgeloadet, Bilder ausgedruckt. Wir unterwerfen uns einem Einheitsgeschmack, weltweit konsumieren wir Junkfood für Körper und Seele. Einhergehend mit dem Verlust substanzieller Nahrung schwindet regionale Identität sowie individuelles Erleben und Erfahren. Ein schmerzlicher Verlust, den wir uns in der heutigen, globalisierten Welt nicht leisten sollten.
Umso größere Bedeutung sollten wir jeglicher regionalen Bewegung beimessen. Im Kleinen, für einen Großteil der Bevölkerung Verborgenen, existiert es noch, das Kunsthandwerk in vielen Feldern wie Musik, Schauspiel, Malerei.
Die weinhandwerkliche Kunst, das heimische Obst zu einer Vielzahl weiniger Geschmackserlebnissen werden zu lassen ist Teil hessischer Identifikation. Wie kein zweites Getränk dient der Apfelwein als Ausdruck unserer Region in Tradition, Natur und Genuss. Ein Bild der Landschaften und Menschen in ihrer Eigenheit und Besonderheit. ApfelWeinKunst möchte Sie einladen, in der Vermählung von Malerei und Apfelwein ihre alltägliche Umgebung neu zu entdecken. Wir möchten einen Anstoß geben, regionales mit allen Sinnen zu genießen. Um mit Freude zu erleben sich in der immer größer werdenden Welt als Teil unserer Heimat zu fühlen.

Jörg Stier
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